Die kurze Antwort: Sie brauchen keine Trends, sondern bewährte Video-Formate. Es gibt sieben Formate, die für KMU seit Jahren zuverlässig funktionieren, weil sie auf neurowissenschaftlichen Prinzipien beruhen. Dieser Artikel zeigt jedes Format mit Beispiel, Begründung und konkreter Umsetzung für Ihren Betrieb in Österreich.
Trend ist nicht gleich Struktur
Ein Trend ist ein konkretes virales Video, das in wenigen Wochen veraltet. Ein Format ist eine bewährte Content-Struktur, die seit Jahren funktioniert, weil sie an die Funktionsweise des menschlichen Gehirns andockt.
Im vorherigen Artikel habe ich erklärt, warum es selten eine gute Idee ist, auf jeden viralen TikTok- oder Instagram-Trend aufzuspringen. Viele KMU-Eigentümer ziehen daraus den falschen Schluss: „Dann muss ich jedes Video komplett selbst erfinden.“ Das stimmt nicht. Formate sind keine Trends. Sie sind Werkzeuge – wie ein Interview, ein Erklärvideo oder eine Pressemitteilung Werkzeuge sind, die alle nutzen, ohne dass jemand von Plagiat spricht.
Für einen Unternehmer bedeutet das: Sie müssen nicht kreativer sein als die ganze Branche. Sie müssen bewährte Strukturen mit Ihrem eigenen fachlichen Inhalt füllen.
Was jedes funktionierende Unternehmer-Video ausmacht
Jedes Video, das für KMU Kunden bringt, besteht aus zwei Ebenen: einem Format (die inhaltliche Idee) und einer Hook-Struktur (die ersten drei Sekunden).
Ein Hook, also ein „Haken“, ist der Grund, warum Sie nicht einfach weiterscrollen, sondern „am Anker hängen bleiben“, also ein Video ansehen. Und dieser Hook muss in den ersten ein bis drei Sekunden erwischt haben, sonst sind Sie weg. Ein gutes Format ohne Hook geht im Scroll-Stream unter. Eine gute Hook ohne Format-Substanz wird angeschaut, bringt aber keinen Geschäftsnutzen. Die Kombination macht den Unterschied. Ich zeige Ihnen zuerst die sieben Formate, dann die universelle Hook-Struktur, die über allen liegt.
Die 7 Video-Formate für KMU im Überblick
Die folgenden sieben Video-Formate eignen sich besonders gut für österreichische und deutsche KMU, weil sie mit geringem Produktionsaufwand umsetzbar sind und auf psychologischen Konstanten beruhen:
- Format 1 – Häufige Fehler: spricht Verlustaversion an
- Format 2 – Mythos vs. Realität: nutzt kognitive Überraschung
- Format 3 – Ein Tag bei uns: baut parasoziale Beziehung auf
- Format 4 – Tutorial: erzeugt Saves und Vertrauen
- Format 5 – FAQ: beantwortet reale Kundenfragen vorab
- Format 6 – Vorher/Nachher: liefert visuelle Beweise ohne Worte
- Format 7 – Case Story: aktiviert narrative Gehirnregionen
Format 1: „Die häufigsten Fehler“ – das Problem-Identifikations-Format
Sie zeigen die typischen Fehler, die Ihre Kunden in Ihrem Fachgebiet immer wieder machen. „Drei Fehler bei …“ oder „Warum Ihr … nicht funktioniert“.
WARUM ES FÜR UNTERNEHMER FUNKTIONIERT
Die Neurowissenschaft nennt das Verlustaversion: Das menschliche Gehirn reagiert stärker auf drohende Verluste als auf mögliche Gewinne (Kahneman & Tversky, 1979). Ein Video, das sagt „Sie verlieren gerade Geld, weil …“ hält die Aufmerksamkeit länger als „So sparen Sie Geld“. Dieses Format positioniert Sie außerdem als Experte, der weiß, wo typische Fallstricke liegen.
BEISPIEL AUS DER PRAXIS
Der britische Unternehmer Mark Tilbury hat mit Finance-Content dieses Formats Millionen Follower aufgebaut. Sein wiederkehrendes Muster: „X Fehler, die Sie mit Ihrem Geld machen.“ Kanal auf YouTube.
UMSETZUNG FÜR IHREN BETRIEB
Fragen Sie sich: Welche drei Fehler sehen Sie bei Neukunden immer wieder? Genau diese werden Ihre ersten drei Videos. Ein Steuerberater in Wien: „Drei Fehler, die fast jeder Jungunternehmer in Österreich bei der Umsatzsteuer macht.“ Ein Installateur in Niederösterreich: „Warum Ihre Heizung dreimal so viel kostet, wie sie müsste.“ Fertig.
Format 2: „Mythos vs. Realität“ – das Pattern-Interrupt-Format
Sie greifen eine weit verbreitete Annahme auf und widerlegen sie. „Alle denken X. Tatsächlich ist Y richtig.“ Dieses Format zieht Aufmerksamkeit, weil das Gehirn bei Widerspruch reflexhaft wachsam wird.
WARUM ES FÜR UNTERNEHMER FUNKTIONIERT
Das Gehirn liebt kognitive Überraschung. Wenn eine bekannte Überzeugung plötzlich infrage gestellt wird, steigt die Aufmerksamkeit schlagartig – Forschung zum sogenannten Expectancy Violation zeigt das konsistent. Gleichzeitig positioniert das Sie als jemanden, der mehr weiß als der durchschnittliche Wettbewerber.
BEISPIEL AUS DER PRAXIS
Die US-Anwältin Erika Kullberg hat über 21 Millionen Follower auf TikTok, Instagram und YouTube aufgebaut mit einem einzigen Satz: „I read the fine print so you don’t have to.“ In jedem Video liest sie das Kleingedruckte eines Unternehmens und zeigt, welches Recht Kunden dort übersehen. Beispielvideo.
UMSETZUNG FÜR IHREN BETRIEB
Jede Branche hat verbreitete Irrtümer. Zahnarzt: „Jeder glaubt, Zähneputzen direkt nach dem Essen ist gesund – das Gegenteil ist richtig.“ Versicherungsmakler: „Ihre Haushaltsversicherung zahlt nicht, was Sie denken.“ Tischler: „Eichenholz ist nicht so hart, wie Sie annehmen – so unterscheiden Sie Qualität.“ Struktur: Annahme nennen, auflösen, Expertenstatus bestätigen.
Format 3: „Ein Tag bei uns“ – das Behind-the-Scenes-Format
Sie dokumentieren einen ganz normalen Arbeitstag. Kein Drehbuch, keine Inszenierung. Gary Vaynerchuk hat das Prinzip auf eine Formel gebracht: „Document, don’t create.“
WARUM ES FÜR UNTERNEHMER FUNKTIONIERT
Menschen bauen sogenannte parasoziale Beziehungen auf – sie fühlen sich mit Personen verbunden, die sie regelmäßig sehen, auch ohne persönlichen Kontakt. Dasselbe Prinzip macht TV-Moderatoren vertraut. Für KMU-Eigentümer ist das besonders wirksam, weil laut Gartner (2024) rund 80 Prozent der B2B-Kaufentscheidung bereits vor dem Erstkontakt fallen. Wer Sie online vertraut findet, ist beim Erstgespräch schon halb überzeugt.
BEISPIEL AUS DER PRAXIS
Die australische Bäckerin Brooke Saward (@brookibakehouse) filmt ihren Arbeitstag in der Bäckerei, von 5:00 Uhr morgens bis zum Ausverkauf. Ein einzelnes Video erreichte 3,3 Millionen Likes. Kein Skript, keine Special Effects – nur Timestamps und ehrliche Arbeit.
UMSETZUNG FÜR IHREN BETRIEB
Ein Tag in der Werkstatt. Ein Einsatztag beim Kunden. Die Vorbereitung eines Events. Sie brauchen kein Filmteam – das Smartphone reicht. Wichtig: Zeitstempel einblenden (7:15 Uhr – Baustellenbesprechung; 9:30 Uhr – Materialprüfung). Das gibt Struktur und hält die Aufmerksamkeit, weil der Zuschauer den Fortschritt verfolgen kann.
Format 4: „So geht’s“ – das Tutorial-Format
Sie zeigen Schritt für Schritt, wie etwas funktioniert. Nicht als Werbung, sondern als echte Anleitung, die der Zuschauer theoretisch ohne Sie umsetzen könnte.
WARUM ES FÜR UNTERNEHMER FUNKTIONIERT
Tutorials werden gespeichert. Saves sind eines der stärksten Signale für den Instagram- und TikTok-Algorithmus, weil sie konkreten Nutzen signalisieren. Für KMU wirkt das Format doppelt: Es baut Expertenvertrauen auf und bleibt im digitalen Speicher des Nutzers präsent – genau für den Moment, in dem das Problem doch komplexer wird als gedacht.
BEISPIEL AUS DER PRAXIS
Besonders stark im Handwerk: Elektriker, die zeigen, wie man eine Lampe fachgerecht anschließt; Mechaniker, die das Ölwechseln demonstrieren. Der paradoxe Effekt: Je ehrlicher Sie erklären, desto öfter werden Sie beauftragt. Die meisten Menschen merken nach zwei Minuten Video: „Das lasse ich lieber einen Profi machen.“
UMSETZUNG FÜR IHREN BETRIEB
Gärtner: „So schneiden Sie Rosen richtig zurück.“ Zahnärztin: „So reinigen Sie Zahnzwischenräume wirklich wirksam.“ IT-Dienstleister: „So erkennen Sie eine Phishing-Mail in drei Sekunden.“ Die Faustregel: Verraten Sie Ihr 80-Prozent-Wissen. Die restlichen 20 Prozent, für die man Sie wirklich braucht, kommen ohnehin nur mit jahrelanger Erfahrung.
Format 5: „Die Frage, die ich ständig gestellt bekomme“ – das FAQ-Format
Sie beantworten exakt jene Fragen, die Ihnen im Erstgespräch immer wieder gestellt werden. Jede Frage wird ein eigenes Video.
WARUM ES FÜR UNTERNEHMER FUNKTIONIERT
Wenn Kunden Ihnen eine Frage im Erstgespräch stellen, googeln und fragen sie dieselbe Frage auch in ChatGPT, Perplexity und Claude. Wenn Ihr Video die Antwort liefert, sind Sie in den 80 Prozent der Entscheidungsphase präsent, in der Sie sonst nicht stattfinden würden. Nebeneffekt: Das Erstgespräch wird deutlich kürzer und produktiver, weil der Kunde bereits informiert ankommt. Und er kommt mit einem Vertrauensvorschuss.
BEISPIEL AUS DER PRAXIS
Jede erfolgreiche Marketing- und Beratungsmarke auf LinkedIn nutzt diese Mechanik: „Diese Frage bekomme ich mehrmals pro Woche …“ oder „Gestern hat mich wieder jemand gefragt …“. Das ist keine Erfindung, das ist Handwerk.
UMSETZUNG FÜR IHREN BETRIEB
Nehmen Sie sich als Unternehmer zehn Minuten Zeit und schreiben Sie die zehn häufigsten Fragen auf, die Ihnen Neukunden stellen. Sie haben damit sofort zehn Videothemen. Jede einzelne Frage: ein Video. Bei einem Post pro Woche reicht das für zweieinhalb Monate Content.
Format 6: „Vorher / Nachher“ – das Transformations-Format
Sie zeigen einen sichtbaren Vorher-Zustand und das Ergebnis Ihrer Arbeit. Zwei Bilder, zwei Videosequenzen – der Unterschied ist die ganze Botschaft.
WARUM ES FÜR UNTERNEHMER FUNKTIONIERT
Das Gehirn verarbeitet Bilder deutlich schneller als Text. Ein Vorher-Nachher-Vergleich braucht keine Worte, um Kompetenz zu beweisen. Zusätzlich liefert das Format einen Dopamin-Payoff: Das Gehirn belohnt den Abschluss einer Transformation – derselbe Mechanismus, der Makeover-Sendungen im TV süchtig macht.
BEISPIEL AUS DER PRAXIS
Friseure, Fliesenleger, Maler, Restaurierungsbetriebe, Fitnesstrainer, Physiotherapeuten, Zahntechniker, Gärtner, Fotografen – dieses Format funktioniert branchenübergreifend. Restaurationsvideos auf YouTube erreichen regelmäßig Millionen Aufrufe, obwohl sie keinerlei Sprache enthalten.
UMSETZUNG FÜR IHREN BETRIEB
Wo verändern Sie im Alltag etwas sichtbar? Das muss nicht spektakulär sein. Eine Steuerberatung kann zeigen: „Chaos-Ordner eines Neukunden vor der Übernahme vs. saubere digitale Buchhaltung drei Monate später.“ Auch Prozesse sind Transformationen – sie brauchen nur eine visuelle Darstellung.
Format 7: „Wie wir Kunde X geholfen haben“ – das Case-Story-Format
Sie erzählen einen echten Kundenfall als Geschichte. Ausgangslage, Problem, Lösung, Ergebnis. Kein Verkaufstext, sondern eine Erzählung in drei Akten.
WARUM ES FÜR UNTERNEHMER FUNKTIONIERT
Das Gehirn verarbeitet Geschichten auf neurologischer Ebene komplett anders als reine Fakten. Beim Hören einer Geschichte aktivieren sich im Gehirn dieselben Areale, als würde man sie selbst erleben (Uri Hasson, Princeton 2012). Gleichzeitig liefert die Geschichte Social Proof: Nicht Sie sagen, dass Sie gut sind – die Lösung eines echten Problems spricht für sich.
BEISPIEL AUS DER PRAXIS
B2B-Beratungen auf LinkedIn nutzen dieses Format fast ausschließlich. Das bekannte Muster: „Ein Kunde kam vor sechs Monaten zu uns mit Problem X. Er hatte Y schon probiert, ohne Erfolg. Wir haben Z gemacht. Heute ist das Ergebnis …“ Keine Zahlen-Schlacht, sondern ein Mensch mit einem Problem, das gelöst wurde.
UMSETZUNG FÜR IHREN BETRIEB
Wichtig: Einverständnis des Kunden einholen, Namen anonymisieren, wenn nötig. Konzentrieren Sie sich auf die Wandlung – was war der Schmerz, was war die Erkenntnis, was ist jetzt anders? Ein Anwalt: „Eine Mandantin stand vor der Insolvenz, weil ihr ehemaliger Geschäftspartner …“ Der Rest ist Handwerk.
Die universelle Hook-Struktur: Was in den ersten 3 Sekunden passieren muss
Jedes dieser sieben Video-Formate funktioniert nur, wenn die ersten drei Sekunden die Aufmerksamkeit binden. Die Hook besteht aus drei Bausteinen: Pattern Interrupt, Curiosity Gap und Relevanz.
Eine Hook ist nicht dasselbe wie eine Begrüßung. „Hallo, heute erzähle ich euch etwas über …“ ist genau die Formulierung, bei der Menschen weiterscrollen. Gute Hooks bestehen aus mindestens einem dieser drei Bausteine:
- Pattern Interrupt: etwas, das die erwartbare Sehgewohnheit bricht. Ein ungewöhnliches Bild, eine provokante Aussage, eine unerwartete Bewegung.
- Curiosity Gap: eine Informationslücke, die beantwortet werden muss. „Die meisten wissen nicht, dass …“ oder „Der häufigste Fehler dabei ist …“
- Relevanz: in den ersten drei Sekunden muss klar sein, warum das den Zuschauer überhaupt betrifft.
Alle drei Elemente gleichzeitig sind nicht nötig. Eines davon reicht meist aus. Wichtig ist nur: Die Hook kommt ganz nach vorn, nicht nach der Begrüßung.
Praxisbeispiel: 7 Wochen Redaktionsplan für einen Installateurbetrieb
So sieht es in Summe aus: Ein österreichischer Installateurbetrieb mit sieben Mitarbeitern im niederösterreichischen Zentralraum produziert pro Woche ein Video. Jedes Video entspricht einem der sieben Formate. Nach sieben Wochen ist der Zyklus einmal durchlaufen und kann neu starten.
Nennen wir das Unternehmen „Wasserwerk Huber“. Zielgruppe: Hausbesitzer, die sanieren, bauen oder eine Heizung tauschen müssen. Herr Huber hat keine Zeit für Marketing-Experimente, aber er kann einmal pro Woche ein Smartphone-Video aufnehmen, wenn er weiß, was es sein soll. Sein Redaktionsplan:
- Woche 1 (Format 1 – Häufige Fehler): „Drei Fehler, wegen denen Ihre Heizung 40 Prozent zu viel kostet.“
- Woche 2 (Format 2 – Mythos): „Jeder glaubt, die Wärmepumpe ist immer die beste Lösung. Stimmt nicht – hier ist, wann Gas tatsächlich sinnvoller ist.“
- Woche 3 (Format 3 – Behind the Scenes): „Ein Tag bei Wasserwerk Huber – von 6 Uhr bis Feierabend.“
- Woche 4 (Format 4 – Tutorial): „So erkennen Sie in 30 Sekunden, ob Ihr Warmwasserboiler bald kaputtgeht.“
- Woche 5 (Format 5 – FAQ): „Die Frage, die ich jede Woche höre: Wann lohnt sich ein Heizungstausch wirklich?“
- Woche 6 (Format 6 – Vorher/Nachher): „Diese Heizung war 28 Jahre alt. Das kam bei der Sanierung zum Vorschein.“
- Woche 7 (Format 7 – Case Story): „Ein Kunde hat jahrelang 4.000 Euro pro Jahr an die Gasrechnung verloren – wegen eines zehn Euro teuren Bauteils.“
Sieben Wochen, sieben Videos. Kein einziger Trend kopiert, kein Tanzvideo. Jedes Video beantwortet eine konkrete Frage, die Kunden ohnehin haben. Nach sieben Wochen ist Wasserwerk Huber in der Region kein unbekannter Handwerker mehr, sondern der Installateur, den man bei Heizungsfragen kennt. Im achten Monat startet der Zyklus neu – mit anderen Themen, aber derselben Systematik.
Wenn etwas funktioniert, bleiben Sie dabei
Übrigens: Wenn ein Format besonders gut funktioniert, bleiben Sie dabei. Das Format kann Ihre „Signature“ werden. Bestes Beispiel ist Jade Lim. Sie hat mit ihren Sauerteigen auf Instagram mittlerweile eine Community von 2 Mio Follower aufgebaut. Ihr Account-Profil beginnt mit demselben Satz, der auch in praktisch jedem Reel als Opener oder in der Bio auftaucht: „I bake bread. What’s your superpower?“ (Ich backe, was ist deine Superkraft).
Warum das Format funktioniert
Pattern-Recognition-Effekt: Der Zuschauer erkennt nach drei bis vier Videos sofort: „Ah, das ist Jade.“ Das menschliche Gehirn belohnt Wiedererkennung mit Dopamin-Ausschüttung – derselbe Mechanismus, der Jingles bei Radiowerbung funktionieren lässt.
Positioning in einem Satz: „I bake bread. What’s your superpower?“ tut vier Dinge gleichzeitig: Sie benennt ihre Expertise, sie macht einen augenzwinkernden Machtanspruch, sie lädt zur Interaktion ein (Frage an den Zuschauer), und sie hebt Brotbacken auf das Level einer Superkraft. Vier Ebenen in sechs Wörtern.
Algorithmus-Vorteil: Der Account bekommt von Instagram ein sehr klares Thema-Signal – „Sourdough / Bread / Baking“. Reels Chaining gruppiert jedes neue Video sofort in den richtigen Interessen-Cluster. Die Views pro Reel schwanken weniger als bei Accounts ohne Signature-Intro.
So erkennen Sie, dass ein Format gut funktioniert hat
Wenn ein Reel mindestens fünf Mal die View Ihrer Followeranzahl hat und Sie dieses Ergebnis wiederholen können, haben Sie Ihr Gewinnerformat gefunden. Bleiben Sie dabei!
Echter Praxisfall: Was ein Linzer Bootshändler nach 8 Monaten Video-Marketing erreicht hat
Die Frage, ob dieser Ansatz für ein klassisches KMU wirklich funktioniert, lässt sich am besten an einem echten Fall beantworten. Wir betreuen seit acht Monaten den Linzer Bootshändler TopYacht und haben in dieser Zeit gemeinsam mit Geschäftsführer Bernhard Prillinger gezielt seine Personenmarke aufgebaut.
Die Reichweitenzahlen nach acht Monaten: Auf Instagram rund 300.000 Video-Views bei etwa 70.000 erreichten Accounts. Auf Facebook über eine Million Views bei knapp 300.000 erreichten Personen. Die Follower wachsen stetig. Interessanter als die absoluten Zahlen ist aber das Verhältnis: Auf beiden Plattformen schaut ein einzelner erreichter Account im Schnitt drei bis vier Videos – ein starkes Signal für anhaltendes Interesse, nicht nur für zufällige Scroll-Berührungen. Begonnen hatte er mit durchschnittlich 350 Views pro Monat auf Instagram.
Relevanter als die Reichweite sind zwei Effekte im Geschäftsalltag: Bernhard Prillinger wird inzwischen regelmäßig auf seine Videos angesprochen – in der Branche, bei Messen, bei Kundengesprächen. Das Investment in die Personenmarke zahlt sich konkret in Wiedererkennung aus. Gleichzeitig verkaufen sich die Boote messbar leichter, weil Interessenten beim Erstkontakt bereits ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Genau der parasoziale Effekt, der oben bei Format 3 beschrieben wurde – hier in der realen Auswirkung auf die Abschlussquote.
Bemerkenswert ist das vor dem Hintergrund, dass die Bootsbranche aktuell insgesamt unter Druck steht. TopYacht wächst gegen den Branchentrend. Nicht, weil das Produkt neu wäre, sondern weil die Zielgruppe das Unternehmen und den Geschäftsführer mittlerweile kennt, bevor überhaupt ein Verkaufsgespräch beginnt.
Sichtbarkeit für Unternehmen ist ein Marathon, kein Sprint
Acht Monate sind keine kurze Zeit, aber eine realistische Planungsgröße. Die Wirkung baut sich schrittweise auf: Sichtbarkeit, Wiedererkennung, Vertrauen, Kaufbereitschaft. Wer nach drei Wochen aufgibt, sieht nichts davon. Wer konsequent durchhält, sieht es.
Häufig gestellte Fragen von KMU-Eigentümern
Welche Video-Formate funktionieren am besten für kleine Unternehmen?
Für KMU funktionieren sieben Formate besonders zuverlässig: „Häufige Fehler“, „Mythos vs. Realität“, „Ein Tag bei uns“, „Tutorial“, „FAQ“, „Vorher/Nachher“ und „Case Story“. Der Grund: Sie basieren auf psychologischen Konstanten, nicht auf kurzlebigen Trends, und sind mit einem Smartphone ohne teures Equipment produzierbar.
Wie oft sollte ein KMU auf Social Media posten?
Für die meisten KMU-Eigentümer ist ein Video pro Woche ein realistisches und wirksames Pensum. Konsistenz schlägt Häufigkeit: Zehn konsequent gepostete Videos über zehn Wochen bringen deutlich mehr als zwanzig Videos in zwei Wochen und danach sechs Monate Pause.
Brauche ich als Unternehmer teures Equipment für Social-Media-Videos?
Nein. Ein aktuelles Smartphone, ein kleines Ansteckmikrofon (ab etwa 30 Euro) und ein stabiles Stativ reichen für 95 Prozent aller KMU-Video-Formate aus. Wichtiger als Equipment sind eine klare Struktur (eines der sieben Formate) und eine gute Hook in den ersten drei Sekunden.
Welche Plattform ist für mein KMU die richtige?
Für KMU in Österreich und Deutschland lohnen sich Instagram, Facebook und LinkedIn in den meisten Fällen am stärksten. Instagram und Facebook für B2C und lokale Zielgruppen, LinkedIn für B2B-Dienstleistungen und fachliche Positionierung. TikTok lohnt sich besonders für Gastronomie, Handwerk mit visuellem Vorher/Nachher und Konsumprodukte mit jüngerer Zielgruppe. Die Videos selbst können auf allen Plattformen dieselben sein, wenn sie im 9:16-Format produziert werden.
Was soll ich posten, wenn ich keine Ideen habe?
Starten Sie mit Format 5 (FAQ). Schreiben Sie die zehn Fragen auf, die Ihnen Neukunden im Erstgespräch am häufigsten stellen. Sie haben damit sofort zehn Videothemen. Bei einem Post pro Woche reicht das für zweieinhalb Monate Content. Danach mit den anderen sechs Formaten weitermachen.
Ich habe Angst vor der Kamera – was kann ich tun?
Sie müssen nicht vor die Kamera, wenn Sie das nicht möchten. Viele der sieben Formate funktionieren auch ohne sichtbare Person – etwa Vorher/Nachher, Tutorial mit Voiceover oder Behind-the-Scenes-Aufnahmen aus Ihrem Betrieb. Wenn Sie als Personenmarke sichtbar werden wollen, hilft professionelles Kamera- oder Medientraining (das wir Ihnen gerne anbieten – ich bin ja selbst 25 Jahre vor der TV-Kamera gestanden). Viele Unternehmer gewinnen nach drei bis fünf Aufnahmen deutlich an Sicherheit.
Dürfen wir als Unternehmen Musik aus der Instagram-Bibliothek für unsere Videos verwenden?
Nein, in der Regel nicht. Die Wirtschaftskammer Österreich weist ausdrücklich darauf hin: Die lizenzierten Songs in der Instagram- oder TikTok-App sind von Meta nur für die private, nicht-kommerzielle Nutzung lizenziert worden. Für Business-Accounts gilt ausschließlich die deutlich kleinere Meta Sound Collection als rechtssicher, alternativ müssen Musikrechte separat beim Label oder über eine Stock-Musik-Plattform erworben werden.
Jetzt starten: Kostenloses Erstgespräch buchen
Wenn Sie als KMU-Eigentümer wissen möchten, welche der sieben Formate am besten zu Ihrem Unternehmen passen und wie ein realistischer Redaktionsplan für Ihren Betrieb aussieht, vereinbaren Sie ein kostenloses Erstgespräch (15–30 Minuten). Wir schauen gemeinsam auf Ihre Zielgruppe, Ihr Angebot und die häufigsten Fragen, die Sie bekommen – und leiten daraus konkret die ersten Videothemen ab.
Quellenverzeichnis
- Kahneman, D. & Tversky, A. (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–291.
- Hasson, U. et al. (2012): Brain-to-brain coupling: A mechanism for creating and sharing a social world. Trends in Cognitive Sciences, 16(2), 114–121.
- Gartner (2024): The B2B Buying Journey.
- Vaynerchuk, G. (2016): Document, Don’t Create.
- Wirtschaftskammer Österreich (2025): Abmahnungen wegen Nutzung von Musik in Kurzvideos auf Social Media.
Über die Autorin
Natasha Macheiner ist Mitgründerin von NASHA videomarketing & ads in Wiener Neustadt und berät seit über zwei Jahrzehnten KMU in Österreich und Deutschland zu Video-Content und Social-Media-Strategie. Sie startete ihre Karriere 1993 beim Österreichischen Rundfunk als Radioredakteurin und Sprecherin, wechselte 1996 zum Fernsehen und war bis 2016 für nationale und regionale TV-Stationen als freie Produzentin, Moderatorin, Chefredakteurin und stellvertretende Chefredakteurin tätig. Sie führte Tausende Interviews und produzierte mehrere hundert Imagefilme und Dokumentationen. Ihr Steckenpferd: Neurowissenschaft und Neuromarketing.
